Lebenslanges Lernen

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Statistische Informationen als Hilfen zur Einschätzung der Ökonomisierung des Weiterbildungsbereichs

Die institutionalisierte Weiterbildung in Deutschland befindet sich in einem tief greifenden Wandel. Experten sprechen von einer „Ökonomisierung“. Gemeint sind damit in erster Linie unbestreitbare Verschiebungen in den Förder- und Finanzierungsbedingungen der Weiterbildung.

Gewissheit besteht darüber, dass die sich die ökonomischen Grundlagen der Weiterbildung wandeln. Ungewiss ist bislang jedoch, wie Weiterbildungseinrichtungen von diesem Wandel betroffen sind. Diskursbeobachter wie Bellmann (2001, 2002) und Galuske (2003) kritisieren an der laufenden Ökonomisierungsdiskussion, dass Weiterbildungsexperten häufig zu einem Pauschalurteil neigen, nach dem Muster „weniger Staat – mehr Markt – weniger Bildungsqualität“. Dies sei insgesamt stark vereinfachend und daher irreführend. In dieser Lage wird der Bedarf für differenziertere Einschätzungen der Ökonomisierung der Weiterbildung offensichtlich.
Brauchbare Ansatzpunkte hierfür bieten sorgsame Analysen von vorhandenen statistischen Materialien, darunter die Volkshochschulstatistik (vgl. etwa: Reitz/Pehl 2004) sowie die Weiterbildungsstatistik im Verbund des DIE (vgl. Reitz/Pehl 2005) oder auch das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) herausgegebene Berichtssystem Weiterbildung“ (vgl. Kuwan/Thebis 2005). Eine solche Analyse wurde vor kurzem am DIE zur Frage des Verhältnisses von Ökonomisierung und Angebotsentwicklung in der öffentlichen Weiterbildung durchgeführt (vgl. Dohmen 2005).
Die Auswertung von statistischen Informationen kann zwar die Dramatik des Einzelfalls nicht berücksichtigen. Sie kann aber übergreifende Entwicklungen veranschaulichen, aus denen neue, vielleicht auch überraschende Hinweise für eine differenziertere, kritische Einschätzung der Ökonomisierung im Weiterbildungsbereich gewonnen werden können.

Ein Beispiel

In der allgemeinen Weiterbildung, die durch die Volkshochschulen realisiert wird, beobachtet man seit einigen Jahren beinahe durchgängig einen signifikanten „Rückgang“ der öffentlichen Förderung. Dies wird vielfach als Vorbote eines möglicherweise folgenreichen Bedeutungsverlustes bzw. Strukturabbaus in der Weiterbildung interpretiert. Doch handelt es sich dabei um empirisch belegbare, allgemeine Tendenzaussagen? Die DIE-Studie gibt hier Anregungen für eine differenziertere Betrachtung.
Zunächst stellt sich – ersichtlich aus der Volkshochschulstatistik des DIE – die Gesamtfinanzierungsentwicklung der Volkshochschulen Deutschlands, über einen Zeitraum von 16 Jahren betrachtet, als eine relativ kontinuierliche Steigerung des Finanzvolumens dar. Deutlich werden dabei aber auch die Verschiebungen in den Finanzierungsanteilen: Nur bis Anfang der neunziger Jahre steigen die öffentlichen Zuschüsse beobachtbar an. Danach ist der Aufwuchs auf die höheren Eigeneinnahmen bei Teilnehmergebühren und Drittmitteln zurückzuführen.
Die Drittmitteleinnahmen und die Teilnehmerentgelte sind also seit 1993 kontinuierlich gestiegen, wohingegen öffentlichen Zuwendungen zwischen 1993 und 2003 nahezu konstant geblieben sind. Warum die Finanzierungslage bei vielen Einrichtungen dennoch insgesamt schlechter wird, ist darauf zurückzuführen, dass bei konstantem Niveau der Zuwendungen das Ausgabenvolumen in vielen Volkshochschulen stark gestiegen ist. Dies ist vor allem dadurch bedingt, dass im Rahmen der neuen Steuerungsmodelle von den kommunalen Zuweisungen vielerorts nun auch die Kosten für Mieten und andere allgemeine Kosten von den Einrichtungen beglichen werden müssen (Stichwort: Budgetierung). Effektiv ist dadurch das verfügbare Finanzvolumen für die Bildungsarbeit gesunken.

In den Jahren 1999 bis 2003 verzeichnen die Volkshochschulen in den verschiedenen Fachbereichen insgesamt einen Anstieg um gut 20.000 Kurse. Mit Ausnahme des Bereichs Arbeit-Beruf kann bei einem Vergleich der Zahlen von 1999 und 2003 in allen anderen Bereichen ein leichter Anstieg beobachtet werden.
So etwa ist – gegen eine vielfach vertretene Auffassung – das Angebot an Kursen im Bereich Grundbildung-Schulabschlüsse sogar stärker gestiegen als das Kursangebot in den anderen Bereichen. Relativierend hinzuzufügen ist, dass der Anstieg an Unterrichtsstunden in diesen Bereichen nicht so hoch ist. Im Bereich Grundbildung-Schulabschlüsse kam es zwischen 1999 und 2003 zu einem Anstieg an Unterrichtsstunden um 4,3%. Ebenso sind die Kurse im Bereich Politik-Gesellschaft-Umwelt – aller Krisenstimmung zum Trotz – insgesamt gestiegen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Kurse in diesem Bereich nach einer starken Zunahme im Jahr 2002 im darauf folgenden Jahr wieder rückläufig sind. Die Kursentwicklung im Bereich Arbeit-Beruf der Volkshochschulen bestätigt hingegen die vielfach geäußerten Befürchtungen. Hier ist ein starker Rückgang zu verzeichnen. Zwar zeigt sich im Jahr 2000 zunächst ein deutlicher Anstieg, dann folgt jedoch ein rasanter Rückgang. Innerhalb von zwei Jahren ist das Kursvolumen in diesem Bereich um über 20% gesunken.

Ein vorläufiges Fazit

Der Blick auf die Zahlen des Volkshochschulbereiches gibt Hinweise zur Entwicklung einer differenzierteren Betrachtung des Ökonomisierungsprozesses in der Weiterbildung. Zunächst ist der immer wieder behauptete Rückgang der öffentlichen Förderung als eine Entwicklung anzusehen, die angemessen nur im Zusammenhang mit der Gesamtfinanzierungsentwicklung der Einrichtungen eingeschätzt werden kann. Hierzu zählt nicht allein der Blick auf die Entwicklung der verschiedenen Finanzierungsquellen. Einzubeziehen sind ebenfalls veränderte Förder- und Finanzierungspraktiken der Länder und Kommunen und hier speziell veränderte Vorgaben über die Verwendung von Zuschüssen durch die Einrichtungen. Ob und wie sich dies auf die Teilnehmerstrukturen auswirkt, ist eine Frage, die in diesem Zusammenhang dringlich zu klären wäre.
Die Zahlen weisen darauf hin, dass die Volkshochschulen seit den 1990er Jahren offenbar eine verstärkte Drittmittel-Akquisition sowie eine gleichermaßen wirtschaftliche wie (noch) akzeptable Preispolitik bei den Teilnahmegebühren betrieben haben, durch die die relative Senkung der öffentlichen Fördermittel sowie veränderte Verwendungsvorgaben ausgeglichen werden konnte.
Ebenso zeigt sich bei der Betrachtung der Entwicklung des Kursangebotes von Volkshochschulen insgesamt eher eine Kontinuität, dies allerdings bei starken Schwankungen in den einzelnen Fachbereichen. So gesehen, greifen zu einfach gefasste Thesen eines Bedeutungsverlustes oder „Strukturabbaus“ hier zu kurz. Vielmehr wird aus den Zahlen zum einen der Vorteil eines breit gefächerten Angebotes ersichtlich, das zur Erhaltung des Gesamtvolumens an Kursen und mithin auch zur Erhaltung der wichtiger werdenden Teilnahmegebühren als Finanzierungsgrundlagen der Einrichtungen beiträgt. Bei alledem belegen die Zahlen aber auch die im Vergleich starken Schwankungen und vor allem Einschnitte im Bereich der beruflichen Weiterbildung. Genau hier findet die pädagogische Ökonomisierungskritik ihren Halt und ihre besondere Berechtigung. Denn offenbar erfüllen sich hier die Hoffnungen einer Weiterbildungspolitik, die viel zu optimistisch auf die Selbstregulierungsmechanismen von Markt und Wettbewerb setzt, nicht. Die öffentlichen Einrichtungen können die strukturellen Konsequenzen einer Hartz-Gesetzgebung nicht abfedern. Damit laufen sie aber Gefahr, einen ihrer zentralen gesellschaftsbezogenen Verantwortungsbereiche, die Förderung der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit, wenn nicht aufzugeben, so doch auf ein Minimum hin einzuschränken.

Sie können den Text mit ausführlichen Literaturangaben auf der Homepage des Deutschen Institut für Erwachsenenbildung als pdf-Datei herunterladen.

Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 30.04.2006

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 19.11.2018